Hydraulik-Defizite in der Aus- und Weiterbildung

Eine kurze Bestandsaufnahme

Stellen Sie sich vor, sie arbeiten auf einer Baustelle. Überall um Sie herum sind die verschiedensten Fahrzeuge im Einsatz. Bagger, Tieflader und Kräne. Sie nähern sich einem Bagger, arbeiten unter der empor gereckten Schaufel, müssen etwas überprüfen. Plötzlich rast die Schaufel auf Sie zu. Die Hydraulik versagt. Sie müssen ausweichen. Schnell! Aber Sie sind wie gelähmt und…wachen schweißgebadet in Ihrem Bett auf. Alles nur ein Alptraum. Nochmal Glück gehabt!

Hydraulik im Alltag

Schließlich haben wir ja in Deutschland genügend ausgebildete Hydrauliktechniker, die sich in allen relevanten Bereichen als Profis ihres Fachbereiches erweisen, und deshalb auch jeden noch so kleinen Fehler an der Hydraulik des Baggers erkannt und beseitigt hätten. Oder etwa nicht?
Leider ist dem nicht so. Obwohl hydraulische Systeme nicht nur in nahezu jeder Industrieanwendung zum Einsatz kommen, sondern auch in Autos, Zügen, Bussen und Flugzeugen eine lebenswichtige Rolle spielen, ist der Hydrauliktechniker weder eine gesonderte Ausbildung noch ein eigenständiger oder ergänzender Studiengang. Wer einen Metallberuf erlernt, für den gehört die Hydraulik nicht einmal zum festen Bestandteil der Lehre.

Hydraulik in Industrie und Wirtschaft

Und das, obwohl die Hydraulik im Maschinenbausektor einen kombinierten Umsatz von rund 140 Milliarden Euro in 2016 und 2017 ermöglichte. Dazu zählen Bereiche wie Werkzeugmaschinen, Antriebstechnik, Fördermittel, Landmaschinen, und Pumpen. Es existiert kaum eine Maschinenhalle, in der nicht wenigstens ein hydraulisches System Verwendung findet. Wie kann es also sein, dass die Hydraulik keine oder nur eine untergeordnete Rolle in der Lehre spielt? Neben einem sowieso bereits großen Fachkräftemangel haben Auszubildende, die nicht gerade in überbetrieblichen Ausbildungsstätten lernen, häufig gar keine Berührungspunkte mit der Hydraulik. „Das ist wie Pneumatik, eben nur mit Öl“, hört man dann häufig. Doch das ist grundlegend falsch und die Behauptung sogar gefährlich.

Was muss sich ändern?

Wie also kann dafür gesorgt werden, dass die Hydraulik nicht weiterhin so stiefmütterlich behandelt wird? Zuerst sollten die Ausbilder an den Berufsschulen geschult und mit neuer Ausbildungshardware versorgt werden. Bestehende Systeme sind häufig alt, ölig, verschmutzt und entsprechen schon lange nicht mehr dem aktuellen Stand der Technik. An ihnen werden allerhöchstens Grundlagen geschult; es findet jedoch keine Abdeckung der Bereiche Störungsanalyse und Fehlersuche statt. Eine Web-Schnittstelle, um zeitgenössische Bedienung oder die Anbindung ans Internet of Things („IoT“) zu simulieren, fehlt in der Regel gänzlich. So ist es selbst bei einer betrieblichen Weiterbildung oftmals nicht möglich, den tatsächlichen Stand der Dinge abzubilden.

Worin liegt der Benefit?

Grob lassen sich die Vorteile, die ein ausgebildeter Hydrauliker seinem Unternehmen bringt, in drei Bereiche unterteilen, nämlich Wirtschaftlichkeit, Umweltschutz und Sicherheit.
So führen falsch eingestellte oder defekte Komponenten häufig zu Verschwendung von Energie und Material. Ist ein Ventil zum Beispiel nicht korrekt eingestellt, muss der Antrieb viel mehr leisten als eigentlich notwendig.
Die Instandhaltung ist ein weiterer Aspekt. Ausgebildete Techniker können hydraulische Systeme besser und effizienter warten, was automatisch zu einer höheren Lebensdauer führt. Allein ein passendes Filtrationskonzept kann diese verdoppeln. Dagegen sinkt bei unzureichender Wartung nicht nur die Erwartung an die Lebensdauer. Auch Ersatzteile werden deutlich häufiger benötigt, wodurch es zu höheren Stillstandzeiten und Produktionsausfällen kommt. Der Aufwand, den es bedarf, um die Maschine von externen Fachkräften warten zu lassen, ist überproportional hoch, die Maschinen-Performance somit alles andere als effizient. Allein aus der ökonomischen Perspektive ist es für Unternehmen also doppelt belohnend, ausgebildete Hydrauliker zu beschäftigen.

Gut für die Umwelt

Die Hydraulik ist im Gegensatz zur Pneumatik ein System mit geringen Unterhaltkosten, da die Hydraulikflüssigkeit den Kreislauf nicht – wie zum Beispiel Druckluft – verlässt. Dem gegenüber steht die Gefahr für Böden und Gewässer durch Leckage. Biologische Prozesse können gestört werden und Abbauprodukte entstehen, die das Grundwasser belasten oder den Sauerstoffaustausch an der Wasseroberfläche erheblich einschränken. Ein gut ausgebildeter Hydrauliktechniker kann diese Gefahren im Vorfeld erkennen und unterbinden und trägt somit zum Umweltschutz bei. Besonders in der Mobilhydraulik kommt dieser Vorteil zum Tragen, da Maschinen dort nicht in einer Halle mit einem geschlossenen Abflusssystem stehen, sondern mitunter auf nacktem Boden.

Gut für die Arbeitskollegen

Der wohl wichtigste Faktor einer professionellen Hydraulikausbildung ist der Sicherheitsfaktor. Fachleute können, im Gegensatz zu Laien, Fehler erkennen, noch ehe diese geschehen.
Ordnen wir die Gefahren einmal ein: In der Hydraulik ist eine Verletzung schwerwiegend, da die Haut nicht nur – wie eventuell in der Pneumatik – perforiert wird, sondern auch Hydraulikflüssigkeit, also meist ein Öl, in den Körper gelangt. Eine solche Injektionsverletzung führt in etwa 80 Prozent der Fälle zu einer Amputation. Zudem arbeiten wir in der Hydraulik im Schnitt mit sechzig Mal so hohen Drücken wie in der Pneumatik. Doch der Flüssigkeitsaustritt unter Hochdruck ist noch nicht einmal die gefährlichste potenzielle Verletzung. Beim Lösen von Verschraubungen besteht Lebensgefahr, wenn eine hydraulische Anlage noch unter Druck stehen sollte. Teile können mit hoher Geschwindigkeit abfliegen und Menschen verletzen. Lebensgefahr besteht auch bei platzenden Schläuchen. Das geschieht oftmals durch Versäumnisse beim Service und der Wartung, kann jedoch auch falsche Montage oder Schlauchführung zur Ursache haben. Ein weiterer Grund können falsch eingestellte Betriebsparameter sein. Drei Fehler, die ein ausgebildeter Hydrauliker erkannt und behoben hätte. Wenn es ihn denn geben würde…

Die Lösung liegt auf der Hand

Die hier genannten Punkte sprechen eine recht deutliche Sprache. Wer sich vergegenwärtigt, welche Vorteile ein ausgebildeter Hydrauliker jedem Unternehmen bringt, der muss klar für die Schaffung dieses Ausbildungsberufs plädieren. Natürlich wird dadurch eine Kostenstelle geschaffen, die unterm Strich keinen Gewinn abwirft. Das ist vergleichbar mit Ausgaben für IT-Sicherheit. Wer sich an der Stelle nicht absichert, der zahlt am Ende des Jahres drauf. Der Hydrauliker schafft keinen Wert. Er sorgt aber dafür, dass Unternehmen Wertschöpfung deutlich effizienter betreiben können. Bis es aber eine entsprechende Ausbildung gibt, sollte der Fokus von Unternehmen daher auf der Auswahl einer geeigneten Fortbildung liegen.