Imitation als Grundlage 

Wer lernen will, muss imitieren. So könnte man ganz rudimentär zusammenfassen, wie Kleinkinder sich ihre ersten Fähigkeiten aneignen. Die Rede ist nicht vom angeborenen Reflexen. Die Rede ist von der Imitation der eigenen Eltern oder Erzieher. Da werden schnell Gesten und Grimassen übernommen, so denn der kleine Körper dazu bereits in der Lage ist. Später kopiert der Nachwuchs auch Heldinnen und Helden aus Film und Fernsehen und imitiert deren Sprechweisen und Bewegungen. Wie auch die eigenen Eltern aus Fleisch und Blut sind die Bilder beim Film in Bewegung. Die englische Bezeichnung „Motion picture“ ist da sehr treffend. Sie verweist einerseits auf das Bewegtbild, bedeutet aber gleichzeitig auch Spiel- oder Kinofilm. 

Bewegte Bilder 

Zwar entwickelt sich die Technik heute schneller denn je und den meisten Filmen oder Videos sieht man bereits nach wenigen Jahren an, dass sie aus der Vergangenheit stammen. Doch eines hat sich dabei nicht verändert: Das Erlernen von bestimmten Tätigkeiten und Zusammenhängen, die Wissensvermittlung, funktioniert nach wie vor am besten, wenn es mittels einer Mischung aus bewegten Bildern und Ton geschieht. Vergegenwärtigen lässt sich das am Beispiel eines Kleinkindes, das ein Smartphone oder Tablet entsperren und bedienen kann, noch ehe es spricht. Es ahmt die Wischgesten nach und kann so durch Fotos oder Videos blättern. Versucht es, das Erlernte auf den heimischen Fernseher zu transferieren, wird es damit meist scheitern und sich wundern weshalb. Das Beobachten und Nachahmen von Bewegungen und Verhalten ist also die in die Wiege gelegte Basis für das Lernen und Verstehen. Wenngleich der Transfer des Erlernten hier an der technischen Umsetzung scheitert. 

Jeder ist betroffen 

Stellen Sie sich vor, Sie sind auf einem Segelschiff. Um bestimmte Aufgaben zu erfüllen bedarf es der Kenntnis einiger spezieller Knoten. Um sich darauf vorzubereiten haben Sie ein ganzes Buch über Knoten gelesen und sich eingeprägt, wann Sie welche Handgriffe zu machen haben, damit der Knoten perfekt wird. Der Kapitän bittet Sie nun darum, ihm zu zeigen, was Sie gelernt haben. Sie haben das Seil vor sich und rufen sich die Worte in Erinnerung, aber es will Ihnen in der Praxis einfach nicht gelingen. 

Jemand anders, der sich statt eines Buches ein Video über das Knotenknüpfen mehrfach angesehen hat, ist an der Reihe. Der Person gelingt es beinahe mühelos. Worin liegt der Unterschied? 

Zusammenhänge iterativ erfassen 

Zum einen ist die Beschreibung einer praktischen Tätigkeit immer mit Abstraktion verbunden, das heißt, sie ist der tatsächlichen Tätigkeit in dem Fall untergeordnet„Legen Sie die Enden des Seiles so übereinander, dass sich eine Schlaufe bildet. Führen Sie nun das linke Ende des Seiles von oben durch die Schlaufe und dann von unten in die linke Richtung.“ Allein dieser kurze Text bietet bereits viel Interpretationsspielraum darüber, was genau zu tun ist. Dennoch bildet er nicht ausreichend das ab, was benötigt wird, um den Knoten knüpfen zu können. Mit einem Video oder einer Animation gibt es diesen Interpretationsspielraum nicht. Man schaut sich eine Tätigkeit mehrfach an und beginnt dann damit, diese zu imitieren und einzuüben, bis man sie verinnerlicht hat. Man kann das Video pausieren, zurückspulen oder langsamer ablaufen lassen, wenn es an einer bestimmten Stelle zu schnell ging. So wird jeder noch so kleine Zwischenschritt erfassbar und leichter nachzuahmen. Zudem sorgt die Interaktivität für eine höhere Motivation. 

Technik und Bildung 

Die Technik ermöglicht es also dem Lernenden, einerseits die Geschwindigkeit der Wissensvermittlung anzupassen, und andererseits so viele Wiederholungen wie nötig durchzuführen, um einen Zusammenhang oder eine Information zu begreifen. Die Verbindung von vertontem Realfilm und veranschaulichenden Animationen auf der einen, und deskriptiven und ergänzenden Texten und Lernzielkontrollen auf der anderen Seite, vermengen dabei die praktische Imitation mit dem Prozess der theoretischen Aneignung. Ein*e Fahrschüler*in wird zum Beispiel nicht zur Prüfung zugelassen, wenn er oder sie die theoretische Fahrprüfung nicht bestanden hat. Gleichzeitig muss er oder sie aber auch praktische Erfahrung vorweisen können, denn egal wie viele Aufsätze über das Kuppeln, Schalten und Bremsen gelesen werden: Es geht Nichts über die Praxis. 

Kein Selbstzweck 

Bei der Erstellung von Lehrvideos sind mehrere Punkte zu beachten, schließlich ist eine Lehrmethode nicht automatisch besser, weil sie auf eine andere Technik setzt. Egeht auch darum, das Publikum nicht zu überfordern. Die richtige Dosis an Inhalten muss zur Länge des Gezeigten passen und didaktisch aufbereitet werden. Ansonsten verkommt das Medium mit seinem riesigen Lehrpotenzial schnell zum medialen Frontalunterricht, bei dem die Teilnehmer gedanklich abschalten. Wie Schule, eben nur als Film. Wichtig ist es, die Lernenden einzubinden. Das geht etwa durch in die Videos implementierte QuizSo könnte man nach vorher definierten Key Learnings das Video anhalten und darin eine Lernzielkontrolle durchführen. Erst nach bestandenem Test läuft das Video weiter. Zuschauer werden dazu konditioniert, besser aufzupassen, da diese nun mit einer Kontrolle rechnen. 

Emotionale Aspekte 

Etwa 62 Prozent der 12 bis 19-Jährigen nutzen Portale wie YouTube oder Clipfish, um sich auf Prüfungen oder Referate vorzubereiten. Die sogenannten Creator, die mal mehr oder mal weniger aufwändig produzierte Lehrvideos erstellen, sind meist nicht viel älter als ihre Anhängerschaft. Die Lernenden fühlen sich dadurch eher auf Augenhöhe angesprochen, als vielleicht von einem Fachtext oder einer Lehrkraft in der Schule. Die Orientierung fällt in einem Video meist leichter als in einem Text, da Bilder, Töne und Bewegungen dazu beitragen, dass man sich schnell zurechtfindet. Technisch können zum Beispiel bestimmte Stellen in einer Sequenz hervorgehoben werden, um dies zu verdeutlichen. Gerade bei einem Thema wie etwa der Zellbiologie, das nur schwer abzubilden ist, eignet sich das Medium Film sehr, um Vorgänge zu veranschaulichen. Geschieht das mittels eines Sprechers oder einer animierten Figur, bauen die Lernenden eine Beziehung zu ihrem Gegenüber auf, die emotional berührt und motiviert. 

Storyline und Bezugspersonen 

Bereits zu Beginn des E-Learnings, mit Programmen für Heimcomputer wie dem C-64, existierten diese BezugspersonenGerade bei Fremdsprachen ist es wichtig, eine Story zu kreieren, anhand derer man einem roten Faden folgt und das Lernen eher als Nebenprodukt einer anderen Tätigkeit wahrnimmt. Mit Videos und Animationen kann das noch deutlich besser gelingen als mit Illustrationen in Sach- und Schulbüchern. Es bedarf dafür allerdings neben Kompetenz und Erfahrung vor allem Kreativität und Qualität. Denn nur, wer den besten Content und die größtmögliche Relevanz bieten kann, der wird am Ende auch imitiert. 

 

Quellen: 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5132380/ 

https://magazin.sofatutor.com/schueler/ist-lernen-mit-videos-effektiv-ja-sagen-wissenschaftler/ 

https://www.pedocs.de/volltexte/2013/7694/pdf/UnterWiss_2002_4_Fey_Audio_vs_Video.pdf 

https://books.google.de/books?hl=de&lr=&id=CDWBQcMbtTYC&oi=fnd&pg=PA171&dq=Komplexes+einfach+mit+Video+erkl%C3%A4ren&ots=LB-o6u_eHj&sig=lPiNazrW1m6r1eu4sCN0AY8kSY4#v=onepage&q=Komplexes%20einfach%20mit%20Video%20erkl%C3%A4ren&f=false 

http://www.elearning-psychologie.de/multimedialitaet_ii.html 

Literatur: 

Allen, WA; Smith AR: Effects of video podcasting on psychomotor and cognitive performance, attitudes and study behaviour of student physical therapists, Innovations in Education and Teaching International 2012 

Brown, P.Roediger, H.: Make it stick. The Science of Successful Learning, Harvard 2014 

Kay, RH: Exploring the use of video podcasts in education: a comprehensive review of the literatureComputers in Human Behavior 2012 

Means, B; Toyama, Y.: Evaluation of Evidence-Based Practices in Online Learning, Washington 2010 

Schmid, RF; Bernard, RM: The effects of technology use in postsecondary education, Computers & Education 2014 

Stockwell, BR; Stockwell, MS: Blended learning improves science education, Cell 2015